Interview

DER STANDARD | Samstag/Sonntag, 9./10. Oktober 1999, Seite A6

"Ich bin ein domestizierter Künstler"

László Krasznahorkai im Gespräch mit Klaus Dermutz
Von Klaus Dermutz
László Krasznahorkai, 1954 im südostungarischen Gyula geboren, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Bevor er die Mikroprozesse untergehender Gesellschaften zu seinem Kardinalthema erkor, verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs seinen Lebensunterhalt. Der große Skeptiker E. M. Cioran hat einmal drei Arten der Traurigkeit unterschieden, die russische, die portugiesische und die ungarische. Krasznahorkai ist wahrlich der kühnste der ungarischen Traurigkeit. In einer Rede benennt er seinerseits drei Quellen der Traurigkeit: jene, die aus dem Selbstmitleid kommt, die zweite ist die Moll-Wendung in der Musik, "die allerhaltbarste und allertiefste Traurigkeit jedoch entspringt aus der Liebe".
In seinen Romanen Satanstango (dt. 1990), Die Melancholie des Widerstands (dt. 1992) und Der Gefangene von Urga (dt. 1993) und in dem Erzählband Gnadenverhältnisse (dt. 1988) wird in brillanten Variationen die metaphysische Unzulänglichkeit des menschlichen Lebens erörtert. Krasznahorkai hat gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Béla Tarr auch die Drehbücher zu Verdammnis (1987) und Das letzte Schiff (1990) und zu Satanstango (1993) geschrieben. Sein neuer Roman Krieg und Krieg ist bei Ammann erschienen (siehe unten).
STANDARD: Herr Krasznahorkai, Sie haben nach Ihrer Schulzeit in mehreren einfachen Berufen gearbeitet, sind durchs Land gezogen, haben in verschiedenen Städten und Ortschaften gelebt, und haben nach diesen Wanderjahren zu schreiben begonnen. Wie sind Sie über die verschiedenen Brüche in Ihrem Leben hinweggekommen?
Lázló Krasznahorkai: Ich habe eigentlich nie daran gedacht, Schriftsteller zu werden. Besonders in meiner Teenagerzeit, aber auch danach, ungefähr bis 25, lebte ich ganz einfach in den Tag hinein. Ich dachte nicht daran, dass ich die Erfahrungen aus dieser Zeit einmal für das Schreiben benutzen würde. Der Kontakt zwischen meinen Erfahrungen und meinen schriftstellerischen Methoden ist kein direkter. In meinen Erzählungen und auch in meinen Romanen schreibe ich nie ganz reale Geschichten, sondern immer nur die Essenz der Geschichten.
In den Todesnovellen, die 1988 unter dem Titel "Gnadenverhältnisse" in deutscher Sprache erschienen sind, beziehen sich einige der "Helden" sehr stark auf Gott, und auch das Inhaltsverzeichnis von "Satanstango" weist auf zen- trale christliche Begriffe hin: auf Auferstehung und Himmelfahrt.
Krasznahorkai: Ein Kritiker schrieb einmal, dass wir für die wesentlichen Dinge im Leben eigentlich keine anderen Begriffe als christliche haben. Gott bedeutet für meine Helden immer den wichtigsten Punkt in ihrer menschlichen Existenz. Aber diese Helden sind alle sehr unsicher, ob Gott real existiert oder nicht. Meine Helden denken, wenn Gott keine reale Existenz ist, glauben sie trotzdem an Gott wie an eine Metapher.
Was ist die Aufgabe der Kunst?
Krasznahorkai: Das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, was die Kunst für mich bedeutet. Sie ist eine ewige Form der Antwortsuche nach den letzten Fragen. Es gibt auch ein praktisches Ziel in der künstlerischen Arbeit: Ohne diese tägliche Arbeit, ohne dass ich etwas benenne, ohne diesen Prozess könnte ich wahrscheinlich nicht weiterleben. Ich möchte mich nicht mit Kafka vergleichen, aber Kafka schrieb auch deswegen. Das Schreiben ist ein absolut praktisches Medikament.
Schreiben Sie, um die Schrecken Ihres Lebens auszuhalten?
Krasznahorkai: Nein, nicht um die Schrecken auszuhalten, sondern um sie zurückzuhalten. Die ganze künstlerische Existenz, auch das Schreiben, ist ein Selbstschutz. Wenn ich denke, setze ich eine Kraft gegen die chaotische Undefinierbarkeit des Lebens.
Das Leben als Kreislauf?
Krasznahorkai: Ja, von der Geburt bis zum Tod. Denken Sie an den berühmten Satz von Beckett, in dem es heißt, dass die Mütter über dem Grab sitzen und uns gebären.
Und die Rolle des Künstlers?
Krasznahorkai: Ein Künstler ist für die Gesellschaft gefährlich. Ein Künstler revoltiert gegen die gesellschaftliche Tanzordnung. Deswegen muss die Gesellschaft ihre Künstler domestizieren, zu einem Haustier machen.
Sind Sie schon domestiziert?
Krasznahorkai: Natürlich. Wenn Sie mich fragen, wer sind Sie, antworte ich: Ich bin ein domestizierter Künstler. Die Gesellschaft will von mir absolut nichts, nur, dass meine Existenz, meine Linie der Gedanken für sie nicht gefährlich wird. Das ist das einzige, was die Gesellschaft von mir will. Nicht nur von den Künstlern, sondern von allen Menschen. Ich möchte natürlich nicht sagen, dass alle Revolten künstlerisch sind. Das ist nicht wahr, aber es gibt eine so genannte andere Seite. Denken Sie an Lou Reed: Take a walk on the wild side. In dieser "wild side" leben die Revolutionäre, die Künstler. Diese Leute muss die Gesellschaft domestizieren.
Béla Tarr, mit dem Sie einige Drehbücher gemeinsam verfassten, hat einmal gemeint, das Einzige, was uns helfen könnte, wäre ein tiefer Blick nach Innen, die Suche nach uns selbst. Ist das wirklich eine Hilfe?
Krasznahorkai: Für mich nicht, aber die Welt von Béla Tarr baut auf diesen immer tiefer werdenden Blick nach innen auf. Das ist seine Hoffnung, dass er am Ende, ganz tief unten in uns, etwas finden kann. Bei mir funktioniert der Prozess des Betrachtens anders. Der wesentliche Unterschied zwischen dem Zen-Buddhismus und meiner Betrachtungsweise besteht darin, dass ich mich mehr für meine Seh-Fähigkeiten interessiere. Ich kann über die Realität des Objekts nichts sagen, nur etwas über mich. Ich kann nur sagen: Ich sehe etwas.
Woher kommt das Vertrauen in das "Ich"?
Krasznahorkai: Das ist kein Vertrauen, sondern der Anfangspunkt eines Gedankenprozesses. Meine letzte Meinung wird eventuell sein, dass das Ich auch nicht existiert, sondern nur eine Prämisse ohne Existenz ist.
Das erkennende Ich, wie es sich in Descartes' "cogito ergo sum" findet, wurde durch Nietzsche und Freud zerstört.
Krasznahorkai: Ich bin mit Ihrem Einwand einverstanden. Wenn Sie sich an die erste Einstellung von Béla Tarrs Verdammnis erinnern: Dort sitzt ein Mann vor einem Fenster, es vergeht wahnsinnig viel Zeit, fünf Minuten sitzt er dort, er sieht hinaus, er macht absolut nichts, er sieht nur. Die Zuschauer des Films sehen, dass außerhalb des Fensters Förderkörbe transportiert werden. Später spricht Karrer, der "Held" von Verdammnis, über diese Situation, dass er dort gesessen und hinausgesehen hat. Aber er spricht nicht darüber, dass er diese Förderkörbe gesehen hat und sich so fühlte, als ob er in der nächsten Minute verrückt werden würde. Karrer sagt nicht, dass er etwas gesehen hat, er spricht nicht über die Objektwelt, weil er sie nicht sieht. In diesem Bild kommen die Gedanken von Béla Tarr und mir sehr gut zum Ausdruck. Für ihn bedeutet dieses Bild, dass Karrer in seine Seele, in seine Tiefe sieht. Für mich bedeutet dieses Bild, dass Karrer hinaussieht, aber draußen sieht er nichts.
Fernando Pessoa hat einmal gemeint, das Schreiben sei die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren.
Krasznahorkai: (lacht) Fantastisch. Das ist ein guter Satz (lacht). Ich kannte ihn nicht. Ich bin mit diesem Satz absolut einverstanden. Das ist die elegantere Variation dessen, was ich früher über das Schreiben gesagt habe.
Pessoa meint auch, dass Erinnern eine Erholung ist. Sehen Sie das auch so?
Krasznahorkai: Ja, das ist auch ein sehr schöner Gedanke. Er gefällt mir sehr. Ich mag Pessoa, ich bin absolut einverstanden mit diesen zwei Bonmots. Wahrscheinlich müsste ich ein wenig eleganter antworten, nicht so grausam. Ich schreibe Tag für Tag, aber ohne dass ein Gedächtnis von der Welt entstehen soll.
Wollen Sie ein Gedächtnis vom Untergang (Mittel-)Europas schaffen?
Krasznahorkai: Mein Ziel ist absolut ein anderes als das meiner Kollegen in der Literatur in Osteuropa, wo ich lebe. Mitteleuropa ist Deutschland und Österreich. Viele Kollegen können ausgezeichnet über die mittel- und osteuropäische Seele und ihre Geschichte schreiben. Ich will kein geographisches Gedächtnis von diesem Raum aufbauen. Meine Texte reflektieren nicht historische oder geographische Themen, sondern so genannte allgemeine Fragen, ganz einfache menschliche Fragen. Warum leben wir, wie wir leben? Warum ist ein Glas Wasser so geheimnisvoll? Warum habe ich Angst?
Warum weiterleben?
Krasznahorkai: Es gibt ein paar Entscheidungen, die uns nicht gehören. Die Frage, ob ich lieber lebe oder nicht, gehört nicht uns. Selbstmord ist keine Frage für mich. []

C DER STANDARD, 9./10. Oktober 1999
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