Prose
Die Welt geht voran
Von László Krasznahorkai
Angebunden war es ziemlich gut, aber nun hat es sich gelöst, und wissen kann man nur so viel, dass es gelöst wurde von einem, der es seinerzeit festband, mehr nicht, es zu sagen, zu veranschaulichen, beim Namen zu nennen wäre eine große Dummheit, die Kraft nämlich, gerade dieses Lösen der Kraft, das unermessliche und unübersichtliche System, das in der Tat unermessliche und in der Tat unübersichtliche, also das für uns ein für allemal unverständliche Funktionieren eines unverständlichen Zufalls, worin wir Gesetze suchten und fanden, haben wir in den vergangenen und heroischen Jahrhunderten eigentlich überhaupt nicht erkannt, wie wir ja insofern sicher sein können, dass wir es auch künftig nicht werden erkennen können, denn zu erkennen waren und sind und werden wir nur in Bezug auf die Folgen dieses unvermeidlichen Zufalls fähig sein angesichts der Tatsache, dass die Peitsche knallt, dass die Peitsche auf unsere Rücken knallt und dass die Peitsche auch im zufälligen Universum dieser Welt knallt und sich löst, was angebunden war, sich also, wie jetzt, frei macht für die Welt, die wir Menschen stetig und wiederholt immer nur neu und nie erfahren nennen, obgleich wir sie weder neu noch nie erfahren nennen dürften, denn hier war es seit der Schöpfung der Welt, genauer gesagt, es kam mit uns, noch genauer, durch uns an, und immer so, dass wir seine Ankunft nur mit rückläufigem Sinn erkennen konnten und können, schon ist es hier, wenn wir verstehen, dass es wieder hier ist, uns immer unvorbereitet antrifft, wenngleich wir wissen müssten, dass es kommt, dass seine Gebundenheit nur zeitweilig ist, wenn wir hören müssten, wie sich scheuernd seine Ketten lockern, wie sich am bisher straffen Seilwerk ächzend die Knoten lockern, aus innerer Sensibilität müssten wir WISSEN, dass es sich löst, und so hätte es auch diesmal sein sollen, wir hätten wissen müssen, dass es so sein, dass es so kommen wird, aber wir horchten erst auf, sofern wir aufhorchten, als es hier war, wir stellten fest, dass wir hilflos sind, denn das sind wir - wenn von ihm die Rede ist, seit uralten Zeiten, hilflos und schutzlos, und sich hineinzudenken in den ersten Stunden des Angriffs wollten wir so ungern, dass wir uns damit befassten, aufzuklären, was geschah, wie es geschah, wer sie waren und warum, und wir befassten uns damit, dass die beiden großen Türme einstürzten und das Pentagon wegsank, und wie sie einstürzten und wie es wegsank und wer die Männer waren und was sie machten, während wir uns in erster Linie damit zu befassen hätten, womit wir uns jetzt endgültig befassen: was wahrhaftig geschah, verstehen wir nicht, und es ist im Übrigen kein so großes Wunder, denn die Anwesenheit dessen, das bislang ziemlich gut angebunden war, aber sich nun gelöst hat, besagt immer und ausnahmslos, dass wir in eine neuerliche große Weltperiode gewechselt sind, es besagt, dass das Alte zu Ende ist und ein Neues begonnen hat, eines, nach dem niemand uns gefragt hat, wir bemerkten auch nicht, wann es geschah, wir konnten nicht von einer oder einem reden, als wir in der Lächerlichmachung der Wendemäßigkeit oder der Zeitgleichheit sahen, dass wir auf einmal doch in einer neuen Welt leben, in eine grundlegend erneuerte Periode übergegangen sind und nichts davon verstehen, weil alles an uns eine alte Routine ist, mit der wir das Wesen eines Prozesses aufzudecken versuchen, dass hierhin führte, wobei wir uns auf alte Erfahrungen und Überzeugungen berufen, auf die nüchterne Vernunft, um darauf lastend diejenigen Ursachen und Beweise suchen zu können, dass es uns tatsächlich passiert ist, nicht existierende oder für uns nicht annäherbare Ursachen und Beweise, dass wir übergetreten sind in eine nagelneue Periode, kurz und gut, hier stehen wir nun, lauter alte Leute vom ersten bis zum letzten, die sich jetzt auf ihre alte Weise umschauen und mit kämpferischer Bereitschaft ihre alte Unsicherheit verraten, mit einer dummen Kampfbereitschaft, als sie sich noch nicht zu fürchten begonnen hatten, als sie noch logen, nein, kein Wort von einer wurzelhaften Wende in der Welt, kein Wort vom Ende einer Periode in der Welt, und dann beginne eine neue, lauter alte Leute, und unter ihnen bin ich ja auch der denkbar älteste, der seit langem nicht in Gemeinschaft mit den anderen war, alt also und eigentlich im tiefsten Sinn auch wortlos, weil es mich am 11. September wie ein physischer Schmerz durchzuckte, o Gott, wie alt doch meine Sprache ist, wie gottlos alt, wenn ich aus einem uralten Wort ein neues mache, wie nutzlos, wie hilflos, wie plump doch die Sprache ist, die mir gehört, und wie wunderbar sie war, wie strahlend, wie flexibel und wie treffend und erschütternd, was bis heute allen Sinn, die Kraft, die Weite und die Genauigkeit restlos verloren, worüber ich dann tagelang grübelte und Versuche machte, ob ich jetzt wohl eine andere Sprache erlernen könnte, denn ohne sie wäre man ganz und gar hoffnungslos, das wusste ich sofort, ich sah die brennenden und einstürzenden Türme, ich dachte wieder und wieder an sie und wusste, dass ohne eine nagelneue Sprache dieses nagelneue Zeit, in der ich mich plötzlich mit den anderen wiederfand, unmöglich zu verstehen sei, ich grübelte und sann und quälte mich tagelang, bis ich mir unvermittelt gestehen musste, nein, es gibt keine Möglichkeit für mich, jetzt plötzlich eine neue Sprache zu erlernen, dazu wäre ich, zusammen mit den anderen, ein Gefangener des Alten, so bleibt also nur, dachte ich, die Hoffnung aufzugeben, dass ich verstehe, was hier geschieht, ich saß nur düster am Fenster und sah hinaus, und ich begann mit den alten Worten aufzuschreiben, was ich sah wie auch die anderen in dieser jetzigen Welt, ich begann aufzuschreiben, was ich verspürte, ich verstand es nicht, und schon schickte sich in alter Welt die alte Sonne zum Untergang an, schon begann es im alten Zimmer vor dem Fenster auf alte Weise zu dunkeln, als sich eine entsetzliche Furcht langsam in mir ausbreitete, ich wusste nicht, aus welcher Richtung sie kam, ich spürte nur ihr Wachsen, eine Weile ahnte ich nicht, was für eine Furcht es war, ich ahnte, dass sie war und wuchs, und ich saß in der vollkommensten Hilflosigkeit, ich beobachtete das Wachsen der Furcht in mir und wartete, dass ich irgendwann ahnen würde, wessen Furcht diese ist, jedoch es kam anders, es kam gar nicht so, diese Furcht, während sie wuchs, verriet nichts von sich, sie teilte ihren Inhalt nicht mit, und ich begann verständlicherweise sogar noch zu bangen vor ihr, was mache ich denn nun, ich kann nicht bis ans Ende aller Zeiten in dieser ihren Inhalt verbergenden Furcht sitzen bleiben, aber ich saß wie starr vor dem Fenster, und draußen stürzten die beiden Türme ein, als auf einmal ein scheuerndes Geräusch mein Ohr erreichte, wie wenn irgendwo in der Ferne die vielen Glieder einer Kette klirrten, wie wenn das stark verknotete Seil sich langsam ordnete ich hörte nur das scheuernde und erschreckende Geräusch und dachte wieder an meine alte Sprache, an die völlige Stummheit, in die ich stürzte, ich saß und sah aus dem Fenster, und nur in einem konnte ich in dem dunklen Zimmer sicher sein: Es hat sich gelöst, es naht, es ist schon hier.
Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki
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