Prose

László Krasznahorkai

Etwas brennt

                                                                   

Sie waren im großen und ganzen zur gleichen Zeit eingetroffen, doch bedeutete das nur, dass einige morgens, andere abends und manche um die Mittagszeit angekommen waren, die meisten mit dem Flugzeug, der Bahn und schließlich dem Autobus, nur ein paar waren mit dem Auto aus Bukarest oder aus Ungarn gekommen, jedenfalls waren am Ankunftstag schon alle beisammen, so dass sie im großen und ganzen wirklich zur gleichen Zeit den Ort des Geschehens erreichten, zwölf Maler, Bildhauer, Installationskünstler und Zeichner aus Städten in Polen und Australien, Frankreich und Rumänien, Ungarn und Schweden, die abends schon zusammen zu Tisch saßen und zur gleichen Uhrzeit schlafengingen, bei dem zweiwöchigen internationalen Künstlerlager am St. Anna-See, wir bieten Kost und Logis, stand in der Einladung, und Arbeitsmaterial falls erforderlich, stand da auch, es gibt dies, lautete das Versprechen, und es gibt das, die Organisatoren zählten es enthusiastisch auf, kurz: alles deutete darauf hin, dass das Treffen erst einmal im Zeichen der Arbeit stehen sollte und die Gäste hier wirklich arbeiten und sich in erster Linie der Arbeit widmen würden, hofften die Veranstalter, und da täuschten sie sich auch nicht, denn die zwölf Künstler saßen am ersten Abend still zu Tisch, und anderntags waren fast alle zwölf ziemlich früh auf den Beinen um anzufangen, es sah so aus, als hätten die meisten von ihnen sich schon zu Hause überlegt, was sie machen wollten, der Maler wollte malen, der Zeichner zeichnen, der Bildhauer arbeitete an irgendeiner Skulptur und der Installationskünstler zerbrach sich den Kopf über eine Installation, freilich gab es einen gewissen Spielraum, einen leeren, unklaren, unausgefüllten Fleck in der vorwegnehmenden Vorstellung, daher verbrachten mehrere den ersten Arbeitstag im wesentlichen damit, die hier hinprojizierte Vorstellung zu bearbeiten, sie zu drehen und zu wenden, zu formen und zu gestalten, sie aus dem einen oder anderen Winkel zu vermessen, denn - zählen wir den ersten und den letzten Tag nicht mit -  so hatten sie noch volle elf Tage, die sie ganz der Arbeit, der Ausarbeitung selbst, der Verwirklichung widmen konnten, und das schien genug zu sein, denn jeder rechnete damit, dass von ihm auch die Vollendung des Geplanten erwartet wurde, also begannen die Unruhigeren, auch wenn ein solches Drehen und Wenden, Formen und Gestalten noch vorgekommen sein mag, schon am zweiten Tag spätestens frühnachmittags ihr Werk, der Maler machte sich ans Grundieren der Leinwand, der Bildhauer hielt Meißel und Hammer schon in der Hand, und so weiter, die Veranstalter freuten sich, hätte jemand am zweiten Tag aus der Ferne einen Blick hierhin geworfen, dann hätte er bereits das emsigste, offensichtlichste Arbeiten beobachtet, und wäre er noch näher gekommen und hätte er sich hinter den Maler, den Installationskünstler oder den Bildhauer gestellt, dann hätte er sich schon vorstellen können, so stellten sie fast ehrfürchtig fest, wohin sich der eine mit dem von ihm gewählten Material so ungefähr bewegte und wohin der andere, so begann das Ganze, es lief genau so wie bei einem gut geplanten, gut organisierten, überschaubaren, richtigen Sommerlager für Künstler an irgendeinem sommerlichen Ort der Welt sonst auch, so wie diese Künstlerlager nunmal sind, wo jeder sicher ist etwas ordentliches zu leisten, ohne dass dabei irgendwelche weltbewegenden Dinge zu erwarten wären.
Sicher nicht, denn bei diesen Sommerlagern für Künstler ist der Sommer selbst immer mit im Spiel, im gemütlichen und eigentlich gar nicht dazugehörenden komplizenhaften Miteinander der Freude am Baden, am Ausruhen, am Urlaub, mit anderen Worten, gewiß geht es um Künstler und Künstlerlager, um Arbeit und Schaffen, Geist und Schöpfung, doch sei dem Künstler auch ein bisschen Baden, ein bisschen Erholung gegönnt, Urlaubsfreude und Vergnügen, also verlangten die Veranstalter, wie üblich, auch hier nicht und überhaupt hielten sie es weder für richtig noch für denkbar, dass nun zwei Wochen lang alle sich wie besessen oder wahnsinnig allein, ausschließlich und bedingungslos der Kunst widmeten, sicher nicht, das sagten und dachten sie alle, hier ist neben der Arbeit auch wichtig, dass die Eingeladenen sich wohlfühlten, das Leben sollte hier an den Ufern des St. Anna-Sees nicht nur nützlich, sondern auch angenehm sein, lasst sie baden, lasst sie auf den Serpentinen zum Gipfel hinauf- und hinunterspazieren, wann immer sie Lust dazu haben, und die Organisatoren waren überglücklich, als die zwölf Künstler am Abend nach dem Essen noch eine Weile am Lagerfeuer sitzenblieben und mal dieser, mal jener zur allgemeinen Zufriedenheit -  in dem heiteren Wohlbehagen, das der unnachahmlich starke, klare und ehrliche siebenbürgische Zwetschgenschnaps erzeugt -  ein Lied anstimmte.
Der St. Anna-See füllt den toten Schlund eines Kraters aus, er liegt ungefähr neunhundertfünfzig Meter über dem Meeresspiegel und hat eine verblüffend kreisrunde Form. Sein Wasser ist Regenwasser, daher überlebt darin bloß der Zwergwels. Die Bären dort nehmen andere Wege zur Tränke als die aus den Fichtenwäldern herabspazierenden Menschen. Drüben, am weniger begangenen Ufer des Sees, liegt ein morastiges, sumpfiges, mooriges Gelände, das auch Moorland heißt, heute aber ausgebaut ist, und durch das sich jetzt ein Bohlenweg schlängelt. Man erzählt sich, das Wasser friere nie zu, da die Mitte des Sees immer warm sei. Der Krater ist seit Jahrtausenden tot, wie auch der See. Meist liegt eine schwere Stille über der Landschaft.

Ideal, sagte gleich am ersten Tag einer der Organisatoren zu den Ankömmlingen und zeigte in die Gegend, ideal für die Vertiefung, aber auch für erholsame Spaziergänge, und keiner überhörte es, alle nutzten die Gelegenheit, also gab es vom Lager hinauf zum höchsten, Eintausender genannten Gipfel in beide Richtungen -  hinauf zum Gipfel, herunter vom Gipfel - einen regen Verkehr, doch hieß das nicht, dass nicht gleichzeitig im Lager ein noch fieberhafteres Arbeiten weitergegangen wäre, je mehr die Zeit verging, ja, immer fieberhafter wurde es, als die in der Vorstellung ursprünglich hierhinzielenden schöpferischen Einfälle sichtbar wurden und ihre endgültige Form erhielten, alle hatten den ihnen angebotenen Raum selbst eingerichtet und sich an ihn angepasst, die meisten hatten ein Einzelzimmer im Haupthaus erhalten, doch hatten manche sich in einem Holzschuppen oder einer ehemaligen Scheune eingenistet, ferner zogen drei von ihnen auf den ausgedehnten Dachboden des Haupthauses, das als zentraler Ort des Lagers diente, schufen sich dort ihre einzelnen und abgesonderten Räume, die brauchten sie nämlich alle und alle brauchten das, beim Arbeiten ungestört und unbehelligt zu bleiben, so ging es los und so gingen die Tage dahin, zum großen Teil bei der Arbeit, zum kleineren Teil mit Spaziergängen, einem angenehmen Bad im See, mit Mahlzeiten und abends bei feuchtfröhlichen Gesängen um das verglimmende Feuer.
Diese unbestimmte Redeweise aber erwies sich als irreführend, eine Tatsache, die erst nach und nach offenkundig wurde, auch wenn dies den Scharfsichtigen schon am ersten arbeitend verbrachten Tag aufgefallen war, denn die meisten merkten erst so ungefähr am dritten Morgen, nun aber erst recht, dass es unter ihnen einen gab, einen von zwölf, der den anderen in rein gar nichts ähnelte. Schon seine Ankunft verlief überaus mysteriös oder jedenfalls ganz anders als die der übrigen Teilnehmer, denn er kam nicht mit Bahn und Bus, sondern so unglaublich es auch scheinen mochte, er trat am Ankunftstag nachmittags gegen sechs oder halb sieben ganz einfach durchs Tor des Lagers, so als käme er zu Fuß, er nickte bloß, als die Organisatoren höflich und mit sichtlich großer Ehrerbietung nach seinem Namen fragten, und als sie unbedingt wissen wollten, wie er bis hier hinaufgekommen war, sagte er lediglich, es habe ihn einer mit einem Auto bis zu irgendeiner Kurve mitgenommen, da sie aber in der großen Stille kein Auto gehört hatten, das ihn bei "irgendeiner Kurve" hätte absetzen können, erschien der ganze Gedanke, er sei mit einem Auto fast hierhin, aber nur bis zu irgendeiner Kurve gekommen, wo man ihn dann abgesetzt hätte, unglaublich genug, so dass eigentlich keiner daran glaubte, genauer, sie wussten nicht, wie sie seine Worte zu deuten hatten, also blieb schon am ersten Tag die einzig mögliche und sinnvolle, zugleich aber auch die absurdeste Version, dass er nämlich doch zu Fuß gekommen war, dass er in Bukarest kurzentschlossen losmarschiert war und, statt einen Zug und dann den Bus hierhin zu nehmen, den langen Weg zum St. Anna-See - in wer weiß wie vielen Wochen! - zu Fuß zurückgelegt hatte, um dann am ersten Abend gegen sechs oder halb sieben ins Tor des Lagers zu biegen und die Frage, ob das Organisationskomitee das Vergnügen habe, in seiner Person Herrn Ion Grigorescu begrüßen zu dürfen, bloß durch dieses kurze Nicken zu bestätigen.

Hätte die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte von seinen Schuhen abgehangen, so hätte bestimmt keiner an ihr gezweifelt; die ursprünglich vielleicht braun gewesenen, sommerlich leichten Schlupfschuhe aus Kunstleder mit der winzigen Ziernaht an der Spitze waren an seinen Füßen völlig kaputtgegangen. Die Sohlen hatten sich vom Schug gelöst, die Absätze waren völlig abgetreten und der rechte Schuh an der Spitze quer aufgerissen, so dass die Socken zum Vorschein kamen. Doch lag es nicht an seinen Schuhen, und so blieb alles bis zum Schluss ein Geheimnis, überhaupt unterschieden sich auch seine übrigen Kleidungsstücke ziemlich von dem westlichen oder westlich anmutenden Stil, mit dem die anderen sich kleideten, da seine Kleidung ihn als einen Menschen auswies, der geradewegs aus der Ära Ceauºescu der späten Achtziger, aus deren tiefstem Elend hierher kam. Die weite Hose, die um seine Knöchel hing, bestand aus einem dicken, flanellartigen Stoff und war von undefinierbarer Farbe, am meisten aber tat die billige, über seinem karierten Hemd getragene Strickjacke weh, diese aussichtslose, moosgrüne, grobmaschige, billige Strickjacke, in die er sich trotz der sommerlichen Hitze bis übers Kinn eingeknöpft hatte.
Er war dünn wie ein Reiher, der Rücken krumm, der Kopf kahl, und in seinem erschreckend eingefallenem Gesicht brannten tiefbraun zwei klare Augen - zwei brennend klare Augen, doch brennen sie nicht von einem inneren Feuer, vielmehr scheinen sie wie ein Paar regloser Spiegel nur zu reflektieren, dass draußen etwas brennt.
Erst am dritten Tag sah jeder ein, dass für ihn das Lager kein Lager war, die Arbeit keine Arbeit, der Sommer kein Sommer, dass es für ihn hier kein Badevergnügen gab, keine unterhaltenden, entspannenden Urlaubsfreuden. Sie arbeiteten fleißig an ihren Werken, der Maler malte, der Zeichner zeichnete, der Bildhauer meißelte, der Installationskünstler schraubte und sägte, nagelte und klebte schon, und Grigorescu, nachdem er die Organisatoren mit Erfolg um neue Schuhe gebeten und diese bekommen hatte (man fand für ihn ein Paar Stiefel, die im Schuppen am Nagel hingen), ging den ganzen Tag nur auf und ab, tat keinen Schritt außerhalb des Lagerareals, stieg nicht auf den Gipfel, kam nicht vom Gipfel herab, umrundete nicht den See und machte auch keine Spaziergänge auf dem Bohlenweg durch das Moorland, er blieb im Lager, erschien einmal hier, einmal dort, stapfte herum, sah den anderen bei ihren Tätigkeiten zu, ging durch die Zimmer des Hauses, hielt hinter den Zeichnern und Bildhauern inne und beobachtete eingehend, wie sich diese oder jene Arbeit von einem Tag zum anderen veränderte, er stieg auch auf den Dachboden hinauf, ging in den Schuppen und auch ins Holzhaus, nie aber sprach er einen an und antwortete auch nicht, antwortete mit keinem Wort und auf keine einzige Frage, wie ein Tauber oder Stummer oder als verstehe er nicht, was man von ihm wolle, er blieb also völlig wortlos, gleichmütig, gefühllos wie ein Gespenst, und die dort, die elf anderen, die beobachteten ihn von da ab genauso, wie Grigorescu sie beobachtete - und dann merkten sie etwas und besprachen es abends unter sich, beim Lagerfeuer (wohin Grigorescu niemals mitging, er legte sich immer früh ins Bett), dass zwar allein schon seine Ankunft zugegebenermaßen sonderbar gewesen war, seine merkwürdigen Schuhe, seine Strickjacke und sein eingefallenes Gesicht, seine hagere Gestalt, die Augen, das traf zwar alles vollkommen zu, das Absonderliche aber war die Feststellung, dass sie eben bis dahin das Absonderlichste an ihm nicht bemerkt hatten, dass dieser pausenlos tätige, große Gegenwartskünstler hier im Lager, wo jeder arbeitete, vollkommen tatenlos blieb.
Er macht gar nichts, sagten sie zueinander, überrascht von ihrer eigenen Erkenntnis, doch hauptsächlich darüber, dass sie dies nicht gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes im Lager bemerkt hatten, und nun erst, als der sechste, siebente, achte Tag vergangen war und einige bereits letzte Hand an ihre Werke legten, erst da fiel ihnen alles auf.
Das, was er machte.
Dass er - nichts machte.
Von da an beobachteten sie ihn unwillkürlich, und auf einmal, um den zehnten Tag herum erkannten sie, dass es frühmorgens und im Lauf des Vormittags, wenn die anderen meist noch schliefen, doch eine längere Zeitspanne gab, in der dieser Grigorescu, bekanntlich ein Frühaufsteher, nirgends zu sehen war, in der Grigorescu nirgends herumging, sich nicht beim Schuppen aufhielt, auch nicht beim Holzhaus, in der er weder draußen noch drinnen zu blicken war, als sei er zeitweilig verschollen.
Von Neugier getrieben, verabredeten sich am Abend des elften Tages einige der Künstler, morgens früh aufzustehen und der Sache nachzugehen. Ein Maler, ein Ungar, übernahm es die anderen zu wecken.
Es war noch dunkel, als sie feststellten, dass Grigorescu nicht mehr in seinem Zimmer war, dann umrundeten sie das Haupthaus und traten aus dem Tor, kehrten wieder zurück, gingen nach hinten zum Schuppen und zum Holzhaus, doch fand sich nicht die die geringste Spur Sie blickten einander ratlos an. Vom See her wehte ein sanfter Wind, schon graute der Morgen, sie konnten einander schon ganz gut erkennen, die Stille war vollkommen.
Da wurden sie auf ein leises Geräusch aufmerksam, das sich von der Stelle aus, wo sie waren, nicht einordnen ließ. Sein Ursprung schien in der Ferne zu liegen, noch hinter der äußersten Ecke des Lagers, genauer gesagt jenseits der unsichtbaren Grenze, wo die beiden Klohäuschen standen und das Lager eigentlich aufhörte. Von hier ab, auch wenn nichts darauf hinwies, hörte das Gelände auf ein Hof zu sein, die Natur hatte sich noch nicht wieder genommen, was von ihr abgeteilt worden war, das Gelände dort interessierte einfach niemanden mehr, es war so etwas wie ein verwahrlostes, unzivilisiertes, ein wenig beklemmendes Niemandsland, auf das die Lagerleitung anscheinend keinen Wert legte, außer um hier Abfälle zu lagern, vom defekten Kühlschrank bis zum täglichen Küchenkehricht alles nur erdenkliche, so dass verwildertes, widerstandsfähiges, fast mannshohes Unkraut im Lauf der Zeit alles überzogen hatte, eine fast undurchdringliche, stachelige, dunkle und feindliche Vegetation, unnütz und unaustilgbar.
Von irgendwo in diesem dichten Gestrüpp sickerte das Geräusch hervor.
Sie überlegten nicht lang, was zu tun sei, kein Wort wurde gesprochen, sie sahen einander nur an und nickten wortlos, dann brachen sie ins Gestrüpp und schlugen sich hindurch; wohin auch.
Sie waren schon mittendrin, von den Gebäuden des Lagers ziemlich weit entfernt, als sie das Geräusch näher bestimmen konnten: jemand arbeitete mit der Schaufel.
Sie waren schon recht nahe herangekommen, denn sie konnten deutlich hören, wie der Spaten in die Erde gestoßen und die Erde ausgeworfen wurde, hinkollerte und zerfiel.
Sie mussten nach rechts und dann noch gut zehn Schritte gehen, aber dann waren sie so schnell am Ziel, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätten und hineingestürzt wären: sie standen am Rand einer großen Grube mit einer Ausdehnung von etwa drei mal fünf Meter, in deren Tiefe bzw. an deren Rand sie Grigorescu erblickten, der zügig arbeitete. Der Graben war so tief, dass man seinen Kopf nicht mehr sehen konnte, er hörte bei seiner gleichmäßigen Arbeit die Herangekommenen nicht, die bloß am Rand des weiten Erdlochs standen und hinunterschauten um zu sehen, was da unten war.
Unten, in der Mitte der Grube sahen sie ein lebensgroßes Pferd, das aus Erde modelliert war, zunächst nur soviel, ein Pferd aus Erde, dann aber, dass dieses lebensgroße, aus der Erde herausgegrabene Pferd sein schäumendes, zähnebleckendes Maul halb seitlich nach oben warf und mit irrsinniger Kraft galoppierte, es stürmte dahin, flüchtete irgendwohin, und zuletzt erst begriffen sie alles, dass Grigorescu nämlich das Unkraut auf einer großen Fläche gerodet und eine tiefe Grube gegraben, sie aber so ausgehoben hatte, dass das schäumende, in seiner schrecklichen Angst dahinstürmende Pferd in der Mitte freigelegt, gleichsam ausgegraben befreit und sichtbar gemacht war, wie dieses lebensgroße, vor irgend etwas fürchterlich erschrockene Tier unter der Erde rast.
Erstarrt sahen sie dem immer noch in seiner Unentdecktheit arbeitenden Grigorescu zu.
Zehn Tage lang hat er gegraben, dachten sie am Rand der Grube.
Morgens in der Frühe und vormittags hat er stundenlang gegraben.
Unter den Füßen des einen gab die Erde nach und Grigorescu blickte auf. Er hielt einen Augenblick inne, senkte dann den Kopf und setzte seine Arbeit fort.
Die Künstler fühlten sich unbehaglich. Sie meinten etwas sagen zu müssen.
Das ist wunderbar, Ion, sagte der französische Maler leise.
Grigorescu unterbrach die Arbeit, er kletterte über eine Leiter aus der Grube, dann reinigte er mit einem Schaber seinen Spaten von der anhaftenden Erde, wischte mit einem Taschentuch über die schwitzige Stirn, kam zu ihnen und zeigte mit einer weiten, langsamen Bewegung über die ganze Landschaft.
Da sind noch so viele, sagte er mit kraftloser Stimme.
Dann nahm er wieder das Werkzeug, stieg über die Leiter in die Grube hinab und schaufelte weiter.
Die anderen nickten eine Weile, dann kehrten sie still zum Haupthaus zurück.
Blieb nur der Abschied. Die Leitung veranstaltete ein großes Gastmahl, dann kam die letzte Nacht und morgens fuhren sie mit dem Bus weg, es war eine Sonderfahrt und die paar, die aus Bukarest und Ungarn mit dem Auto gekommen waren, stiegen ins Auto, sie schlossen ab und verließen das Lager.
Grigorescu gab den Veranstaltern die Stiefel zurück, zog seine eigenen Schuhe an und fuhr vorerst im Bus mit den anderen mit. Dann ließ er nach ein paar Kilometern in einer Kurve bei einem Dorf plötzlich anhalten und sagte so etwas wie, er gehe von hier aus besser alleine weiter. Niemand verstand aber genau, was er sagte, da er so leise sprach.
Der Bus wurde von der Kurve verschluckt und auch Grigorescu verschwand schnell auf der bergabführenden Serpentinenstraße. Nur die Landschaft blieb übrig, die stille Ordnung der Berge, der mit Laub bedeckte Boden im riesigen Raum, eine unüberschaubare Landschaft -verbergend, verhehlend, verhüllend, verdeckend, was eigentlich unter der heißen Erde liegt.

Deutsch von Christina Viragh

                                                                    

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