Prose

László Krasznahorkai

Brüllen unter der Erde

                                                                    Wir verlangen nichts von den Drachen, und
auch die Drachen verlangen nichts von uns.

Zi Chan

Sie brüllen im Dunkeln, mit weitaufgesperrtem Maul, die herausquellenden Augen verschleiert, sie brüllen, aber von diesem Brüllen und von diesem Dunkel, von diesen Mäulern und von diesen Augen kann man nichts sagen, kann mit Wörtern nur darum herumgehen, wie ein Bettler mit hingehaltener Hand, denn dieses Dunkel und dieses Brüllen, diese Mäuler und diese Augen sind unvergleichlich, sind mit nichts im Zusammenhang, das in einem Wort Platz hätte, so daß man ihren verborgenen Ort mit menschlicher Rede nicht beschreiben, nicht einmal annähern kann, jenen Schauplatz, das Reich dieses Dunkels und dieses Brüllens, nur darübergehen kann man, oder vielmehr: dort oben herumirren, das kann man, ohne zu ahnen, wo das ist, wovon man gerade sprechen möchte - unten irgendwo, das ist alles, was man sagen kann, und so wäre es am besten, das Ganze, so wie es ist, zu vergessen und die Sache nicht zu forcieren, doch man vergißt nicht, weil das unmöglich ist, und man forciert, denn dieses Brüllen hört ja nicht von selbst auf, da kann man, wenn man es einmal gehört hat, machen, was man will, und genau das geschah nach Dawenkou und Panlongcheng, Longshan und Anyang und Erlitou, man sieht die aus ihren Scherben zusammengeleimten Statuen, sieht die grünen Bronzetafeln mit den Abbildungen, es genügt, sie zu sehen, ein einziges Mal zu sehen, damit diese ungeheure Stimme im Schädel nie mehr aufhört, und so beginnt man umherzuirren, denn das Bewußtsein, daß es sie gibt, ist unerträglich und nicht auszuhalten, genausowenig wie die Sehnsucht, ihre schaurige Schönheit einmal zu sehen, mit einem Wort, irgendwie so brechen wir auf, irgendwie so ziehen wir los von einem zufällig gewählten Punkt auf dem Gebiet des einstigen Shang-Reichs, es ist gleichgültig, woher, und gleichgültig, wann, die eine Wahl ist so gut wie die andere, man weiß ja sowieso nicht, wo sie sind, weder mit Gewißheit noch ungefähr, ja, irgendwann, sagen wir zwischen 1600 und 1100 vor Christus muß man aufbrechen und losziehen, und irgendwo am Ufer des Huang He muß man in Flußrichtung ostwärts gehen, in Richtung des Deltas und des Meers, ohne sich allzusehr vom Ufer zu entfernen, wo sie bedeutende Hauptstädte hatten, dort muß man gehen, ungefähr zwischen 1600 und 1100, auf dem Gebiet von Bo und Ao, Chaoge und Dayi Shang, Xiang und Geng, das heißt auf dem Gebiet der versickerten Erinnerung an die seit zweitausendachthundert Jahren nicht mehr existierenden Königsstädte der Shang, dort, wo man China sagt, aber anderes denkt, wenn man sich nicht in Illusionen wiegen, nicht andere hereinlegen will, so wie sie selbst das getan haben, sie, die Chinesen, mehrere tausend Jahre lang, denn mindestens seit der Qin-Dynastie sagen sie ja dauernd China, als wäre China, Zhongguo, das Reich der Mitte, oder anders gesagt die Welt, ein einziges Ganzes, als wäre es ein Land gewesen, was es eben nie war, denn viele Königreiche und viele Völker, viele Stämme und viele Fürstentümer, viele Geschlechter und viele Sprachen, viele Traditionen und viele Grenzen, viele Religionen und viele Träume, das war Zhongguo, die Welt, mit so vielen Welten darin, wie man sie mit einem einzigen Kopf gar nicht zählen, gar nicht im Auge behalten, gar nicht kennen, gar nicht verstehen konnte, wenn man nicht gerade der Sohn des Himmels war, und auch heute kann man nur irgendetwas darüber zusammenlügen,  zusammenstottern, zusammenlabern, so wie der, der jetzt ungefähr zwischen 1600 und 1100 am Unterlauf des Huang He aufbricht, unterhalb des sogenannten Huang He-Knies, und sagt, ich bin im Shang-Reich, hier gehe ich in östlicher Richtung, das hier ist Chaoge, oder vielleicht Dayi Shang, hier, unter meinen Füßen, was in Wirklichkeit nur insofern stimmt, als sie tatsächlich irgendwo da unter der Erde sind, ungeachtet zufälliger Entdeckungen jeglicher Dawenkou und Anyang und Erlitou: unerforschlich und unantastbar, verborgen im Dunkeln weit unter der Erde, brüllen sie mit aufgesperrtem Maul, während das Grab, zu dessen Dienst sie einst aufgestellt worden waren, schon längst über ihnen eingebrochen ist und sie in seinem schichtweisen Zusammenbruch vollständig unter sich begraben hat, sie gewissermaßen in die Erde einbauend, zwischen die zahllosen Arten von Wurzelfüßlern, ((csillósok?)), Rädertierchen, Bärtierchen, Milben, Würmern, Schnecken, Asseln, Larven beziehungsweise zwischen die Mineralablagerungen und die hochgefährlichen unterirdischen Auswaschungen, sie einbauend und zu endgültiger Reglosigkeit verurteilend, wenn sie nicht sowieso und schon immer in ihrem Brüllen erstarrt gewesen wären, während jetzt ihre aufgesperrten Mäuler schon voller Erde sind und vor ihren verschleierten, herausquellenden Augen kein Zentimeter Platz mehr bleibt, kein halber Zentimeter, kein Viertelzentimeter, kein Bruchteil eines Viertelzentimeters, in welchen die verschleierten, herausquellenden Augen hineinstarren könnten, so dicht, so schwer ist die Erde, und nur sie gibt es ringsum, Erde und wieder Erde, und dieses unndurchdringliche, nicht zu durchbrechende, wirklich auf immer und ewig schwere Dunkel, das alles Lebendige umgibt, und auch wir werden einmal hierhergelangen, wenn unsere Zeit gekommen ist, wir, die wir hier im unbegreiflichen Dickicht der chinesischen Jahrtausende umherirren und denken, das also ist ihr Reich, das hier sind die Shang, und wir wandern über die Riesenflecken vermutlicher Standorte alter Hauptstädte und stellen uns vor, was sich unter dieser Erde befindet, in die alles versunken ist, was Shang war, bloß kann man es sich nicht vorstellen, denn so wie man es nicht in Worte fassen kann, so kann man es auch mit der Vorstellung nicht aus der Tiefe heraufholen, denn die Tiefe, da unter uns, ist unnahbar, denn unnahbar ist die Tiefe der Zeit und ihres Brüllens, dahin dringt keinerlei Vorstellung, die Vorstellung bleibt gewissermassen im Anlauf stecken, so kompakt ist diese Erde unter den Shang ungefähr zwischen 1600 und 1100 unterhalb des Huang He-Knies, am untersten Unterlauf des Flusses, in Richtung des Deltas und des Meers, die Vorstellung bleibt stecken und gelangt nicht dorthin, wo sie stehen, seitwärts gekippt, zerstückelt, angefressen von den Säuren, fast schon unkenntlich, denn nur der, der einen gesehen hat bei den Ausgrabungen genannten, gefährlichen Grabschändungen von Dawenkou, Panloncheng, Longshan, Anyang und Erlitou, nur der weiß, wie furchterregend sie in vollständiger Gestalt waren, die Angst an sich, und er weiß, daß jene, die sie herstellten, sich nicht bewußt waren, mit welcher ungheuren Kraft sie über die ihnen vorgegebene Ewigkeit hinaus ausdrücken würden, was unter der Erde ist, ausdrücken, wie es ist, wenn diese kompakte Erde im vollkommenen und endgültigen Dunkeln alles zerquetscht, jene, die Meister der Shang-Zeit, wollten, während sie die weitaufgesperrten Mäuler, die herausquellenden, verschleierten Augen formten, vielleicht nur, daß diese Skulpturen und Bronzegegenstände über den Gräbern der Toten wachten, sie stellten sie an den Eingang oder in den inneren Raum, damit sie zum Schutz des Toten die feindlichen Kräfte abschreckten, den Erddämon in Schach hielten, denn die Gräber, haben die Shang wohl gedacht, müssen unversehrt bleiben, nur das konnten sie denken, daß zwischen dem Toten und dem Totenreich eine Verbindung bestehen müsse, daran aber konnten sie nicht denken, daß die Zeit länger dauern würde als die von ihr versprochene Ewigkeit, daran nicht, daß sie unsäglich lang von der ihren in die darauffolgenden Ewigkeiten hinüberreichen würde, wo es schon nicht mehr möglich ist, sich zu erinnern, wer hier mit seiner hun-Seele begraben liegt, daran nicht, daß weder vom Grab noch vom Toten noch von der hun-Seele etwas bleiben würde, so auch nichts von ihnen noch von ihrem Reich noch von der Erinnerung an ihr Reich, dachten daran nicht, daß in der zerstörerischen Zeit von nichts irgendetwas bleibt, daß alles verschwindet, was einmal war, die Shang und mit ihnen ihre Gräber, hier, am Unterlauf des Huang He, unterhalb des Knies in Richtung von Delta und Meer, und daß nichts anderes bleibt als das Dunkel unter dem dichten Druck der Erde und dieses Brüllen, denn das, dieses Brüllen, ist noch da, sie stehen dort unten bei den eingesackten Gräbern, stehen seitwärts gekippt, in Stücke gebrochen, zerfressen von Säuren, eingekeilt in die Erde, aber das Brüllen aus ihren weitaufgesperrten Mäulern hört nicht auf, das ist irgendwie noch da, zerstückelt, aber trotzdem, durch die Jahrtausende, das Brüllen des Entsetzens, eines Entsetzens, das trotz allem bis hierher herauftönt und uns bedeutet, daß das Reich unter der Erde, der Locus des Todes, die Unterwelt, ein riesiger, ausgefüllter Raum ist, daß der Ort, wo wir alle enden werden, ganz eindeutig existiert, daß die Welt, das Leben, der Mensch enden werden, und zwar dort unten, in diesem Fall hier unten, unter den Träumen der Shang, in zerstückelten Grabskulpturen und dem Brüllen bronzener Tiere, denn unter der Erde sind Tiere, in unzähligen Mengen, Schweine und Hunde, Büffel und Drachen, Ziegen und Rinder und Tiger und Elefanten und Chimären und Schlangen, und alle brüllen, und ihre herausquellenden Augen sind nicht einfach verschleiert, sondern sie alle sind blind, sie stehen seitwärts gekippt und zerstückelt und von Säuren zerfressen um die eingesackten Gräber herum und brüllen blind ins Dunkel hinein, brüllen, daß das sie erwartet hat, sie, die Shang, aber auch uns erwartet dort unten, uns, die jetzt an die Shang denken, das Entsetzen, daß da nicht einfach der Dunst billiger Ängste ist, sondern eine wirkliche Provinz, die des Todes, und überall mit ihrem ungeheuren Gewicht die Erde, die sie aufgenommen hat, so wie sie auch uns einverleiben wird, um sogar die Erinnerung an uns zu tilgen, jenseits von jeglicher Ewigkeit.

Deutsch von Christina Viragh

                                                                    

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